Lebenserinnerungen von Carl Schurz
Bis zum Jahre 1852
Vorwort.
Es war auf den dringenden Wunsch meiner Kinder, daß ich vor mehreren Jahren diese Erinnerungen niederzuschreiben begann. Sie hatten im häuslichen Kreise, teils von mir selbst, teils von Verwandten und alten Freunden über die Umgebungen und Zustände, in denen ich aufgewachsen war, sowie über die merkwürdigen Ereignisse meiner Jugendzeit zuweilen reden hören, und so baten sie mich, das, was sie gehört hatten, schriftlich in eine zusammenhängende Erzählung zu bringen, die sie dann als bleibendes Familiengut aufbewahren könnten. Diesem Wunsche entsprach ich denn, ohne zuerst an eine Veröffentlichung des Geschriebenen zu denken.
Der Umstand, daß diese Aufzeichnungen ursprünglich nur für wenige Personen bestimmt waren, die an dem Erzähler und seinen Erlebnissen besonderen Anteil nahmen, mag die Breite und Ausführlichkeit der Beschreibungen und Geschichten erklären, die des Lesers Geduld dann und wann auf harte Proben stellen mögen. Zur Milderung seines Urteils stelle er sich einen alten Mann vor, der, indem er einem intimen Kreise seinen Lebenslauf berichtet, beständig mit Fragen über dieses und jenes, worüber die Zuhörer mehr wissen wollen, unterbrochen wird und sich so zu unwillkürlicher Weitschweifigkeit gezwungen findet.
Übrigens will ich gern gestehen, daß, während ich schrieb, auch die Lust des Erzählens, die Freude des schriftstellerischen Schaffens über mich kam und mich zur Darstellung unbedeutender Dinge verführt haben mag, die, wie ich hoffe, der freundliche Leser verzeihen wird.
Es ist kaum nötig zu bemerken, daß ich in der Beschreibung meiner Jugendzeit mich vielfach auf die Treue meines Gedächtnisses angewiesen sah. Ich weiß sehr wohl, daß uns das Gedächtnis zuweilen schlimme Streiche spielt, indem es uns glauben macht, tatsächlich Dinge selbst gesehen oder gehört zu haben, von denen wir nur haben reden hören, oder mit denen nur unsere Einbildungskraft lebhaft beschäftigt gewesen ist. Ich habe mich daher ernstlich bemüht, meinen eigenen Erinnerungen nicht zu viel zu trauen, sondern sie, wenn immer möglich, mit den Erinnerungen von Verwandten und Freunden zu vergleichen, sowie alte Briefe und zeitgenössische Publikationen über die darzustellenden Tatsachen zu Rate zu ziehen. Es mag freilich sein, daß trotz alledem sich Irrtümer in meine Erzählungen eingeschlichen haben; aber ich wage zu hoffen, daß solcher Irrtümer nur wenige, und diese wenigen nicht von Bedeutung sind.
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Bolton Landing, Lake George, N. Y. im September 1905. |