Lebenserinnerungen von Carl Schurz
Bis zum Jahre 1852
Margarethe Meyer Schurz.
Ein paar Wochen vor dem Staatsstreich Louis Napoleons hatte ich einen Auftrag eines Freundes bei Johannes Ronge auszurichten und machte diesem in seiner Wohnung in Hempstead einen Besuch. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, wie ich den Weg, der stellenweise zwischen Hecken und Baumreihen lief — jetzt wohl eine ununterbrochene Häusermaße — in der Abenddämmerung zu Fuß zurücklegte, nicht ahnend, daß ich eine viel wichtigere Begegnung vor mir hatte, als die mit Johannes Ronge. Er wohnte in einer sogenannten „Villa“, einem kleinen Hause von einem Garten umgeben. Meine Angelegenheit mit Ronge war bald abgemacht und ich erhob mich schon, um zu gehn, als er in ein anstoßendes Zimmer hineinrief: „Margarethe, komm doch einmal herein. Hier ist ein Herr, den Du wohl gern kennen lernen möchtest.“ Ein Mädchen von etwa 18 Jahren trat herein, von stattlichem Wuchs mit schwarzem Lockenkopf, kindlich schönen Zügen, und großen, dunkeln, wahrhaftigen Augen. Ronge stellte sie mir als seine Schwägerin vor. Ich hatte schon früher von ihr im Brüning'schen Salon sprechen hören, ohne jedoch viel darauf zu achten. Sie hatte, wie sie mir später erzählte, als Schülerin auf der Hamburger Hochschule, von mir als dem Befreier Kinkels gehört, sich, wie dabei jungen Mädchen wohl geschieht, allerlei romantische Vorstellungen von mir gemacht, und sich darauf gefreut, mich persönlich zu sehn. Das Zusammentreffen war nun wirklich gekommen, und es ging nicht ohne einige Verlegenheit ab, — von ihrer Seite, weil sie mir in ihrer Einbildung alle möglichen hohen Eigenschaften beigelegt hatte und sich daher vor mir ein wenig fürchtete, — von meiner, weil ich meine jugendliche Schüchternheit weiblichen Wesen gegenüber keineswegs ganz abgelegt hatte. Unser erste Gespräch berührte nur die gewöhnlichen Dinge, wie gemeinsame Bekanntschaften, und bald schieden wir mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß wir uns bald wiedersehen möchten. Wir sahen uns in der That nicht so sehr bald, aber dann um so öfter wieder, und in weniger als Jahresfrist sollte ich mit diesem Mädchen für's Leben verbunden sein.
Um zu erzählen, wie sie nach London in Ronges Haus gekommen, muß ich weit zurück greifen. Sie gehörte einer merkwürdigen Familie an. Ihr Vater, Heinrich Christian Meyer, dessen merkwürdiges Leben von seinem ältesten Sohne in einer leider nur zu kurzen Biographie anziehend geschildert worden ist, hatte im ersten Viertel dieses Jahrhunderts, von der tiefsten Armuth durch eigenen Fleiß und Unternehmungsgeist emporgestiegen, in Hamburg eine kleine Stockfabrik gegründet, die unter seiner umachtigen und energischen Leistung sich rasch zu einem großen Geschäft entwickelte. Er erwarb sich ein ansehnliches Vermögen und seine Arbeiter, die ihn wie einen Vater zu verehren lernten, zählten bald zu Hunderten. Aber die erfolgreiche Erwerbsthätigkeit des Geschäftsmannes genügten dem Gemeinsinn des Staatsbürgers nicht. Pläne, welche dem allgemeinen Wohle galten, nahmen nach und nach den größten Theil seiner Zeit und Kraft in Anspruch, und sein patriotischen Streben brachte ihm mit neuen Kämpfen auch eine weite Popularität ein. Er besaß einen starken Geist, welcher die ihm vom Schicksal versagte Bildung mehr selbst vermißte, als Andere vermissen ließ; und jene Schaffensfreude, die unermüdlich Neues ersinnt und nicht ruht, bis die Ausführung des Werks dem gefolgt ist. Er war dazu einer der heitern, lichtvollen, warmen Naturen, ein der Sonnenkinder, die das Glück, das sie in sich selbst finden, auf ihre ganze Umgebung ausstrahlen, und das Glück, welches sie um sich her streuen, zu freudiger Befriedigung wieder in sich aufnehmen. Er hatte schon mit 18 Jahren geheirathet und es konnte keine glücklichere Familie geben, als die seinige, bis ihm im Jahre 1833 bei der Geburt des jüngsten Kindes die aufs Innigste geliebte Gattin starb, eine schöne, ihm gleichgesinnte, in allen Dingen wie für ihn geschaffene Frau. Aber da blieb ihm doch seine herrliche Kinderschaar, zwei Söhne und fünf Töchter, die dem Vater alle durchs Leben eine schwärmerische Liebe und fast religiöse Verehrung bewahrten. Vier der Töchter waren verheirathet und er sah als verhältnißmäßig noch junger Mann eine köstliche Schaar von Enkeln um sich her aufwachsen.
Der gesellige Umgang eines solchen Mannes
konnte nicht auf seinen Familienkreis beschränkt
bleiben, wenn derselbe auch noch so begabten
Menschen bestand. Alle seine Lebensanschauungen
waren liberal angelegt. Sein ganzes Wesen
fühlte sich dem Volke angehörig, während. Während ihm
nichts ferner lag, als ein Spötter oder ein
Demagoge zu sein, so muthete ihn doch jede
freisinnige Bestrebung an, auf dem religiösen sowohl,
als auf dem politischen Felde. Es war sein
Drang, so viel es ging, alle Vorurtheile
abzuschütteln und alle Fesseln, geistige wie
materielle, zu lösen. Nichts konnte daher natürlicher
sein, als daß das Haus des wohlhabenden,
strebsamen und lebensfrohen Mannes denjenigen,
die sich auf irgend eine löbliche Weise hervorgethan
oder interessant gemacht hatten, leicht
zugänglich war, ohne daß nach den herkömmlichen
Regeln und Rücksichten, welche in Hamburger
Patrizierhäusern den gesellschaftlichen Umgang
regelten, besonders gefragt worden wäre. So kam
auch unter Andern im Jahre 1846 Johannes Ronge
mit der Meyer'schen Familie in Verbindung; und
daran knüpfte sich ein Familien-Schicksal
wahrhaft tragischen Charakters.
Ronge's öffentliche Bedeutung datierte von dem Jahre 1844. Im August des genannten Jahres ließ der Bischof Arnoldi von Trier, der Geld für den Ausbau seiner Kathedrale brauchte, eine sogenannte Reliquie, die “der heilige Rock Jesu Christi” genannt wurde, zur öffentlichen Verehrung ausstellen. Mehrere hunderttausend Gläubige pilgerte nach Trier, um vor dem „heiligen Rock“ niederzuknien, und es wurden auch bald wunderthätige Heilungen für unheilbar gehaltener Krankheiten berichtet, die durch die Berührung des heiligen Rocks bewerkstelligt worden seien. Im Oktober desselben Jahres erschien in den „sächsischen Vaterlandsblättern“ ein Brief von einem katholischen Priester, der die Verehrung des heiligen Rocks für einen groben Aberglauben erklärte und gegen die Handlungsweise des Bischofs Arnoldi auf's Nachdrücklichste protestierte. Dieser Priester war Johannes Ronge. Er war Kaplan in Schlesien und wurde, nachdem er den Widerruf seines Briefs verweigert hatte, vom Bischof von Breslau excommuniziert. Der Brief erregte das lebhafteste Aufsehn, und der kleine schlesische Kaplan sah sich plötzlich in der Rolle eines Volkshelden, wie das nicht selten denen geschieht, welche die Kühnheit haben, auf eigene Gefahr hin das öffentlich auszusprechen, was von vielen Andern nur im Stillen gedacht wird. Manche Gleichgesinnte priesen Johannes Ronge als einen zweiten Luther, und bald formten sich unter seiner Fahne Vereine von Katholiken, die sich von der Herrschaft des päptslichen Stuhles lossagten und sich „Deutschkatholische“ Gemeinden nannten. Die Bewegung, die auch unter den liberalen Protestanten, den „Lichtfreunden“ usw., viel Anklang fand, wuchs schnell und drohte, scheinbar, der katholischen Kirche furchtbar zu werden. Ronge reiste als ihr Apostel in Deutschland umher und wurde vielfach als Befreier vom „römischen Aberglauben“ mit Begeisterung begrüßt.
So kam er auch im Jahre 1846 nach Hamburg und der freisinnige Herr Meyer, der den Muth des jungen Reformators anerkannte und dem Unternehmen desselben seine Hülfe schuldig zu sein glaubte, nahm ihn mit Wärme in seinem Familienkreise auf. Ronge stand damals auf der Höhe seiner Popularität. Er war 33 Jahre alt, hatte einen schönen Kopf, lebhafte dunkle Augen, und einen Redefluß, welcher, so lange er sich an die Verdammung des „römischen Aberglaubens“ hielt, durch die Leichtigkeit und Energie des Ausdrucks empfängliche Gemüther wohl bestechen konnte. Hier fand sich ein nur zu empfängliches Gemüth. Die schönste und geistvollste unter Herrn Meyers Töchtern war Bertha, die Frau des Herrn Friedrich Traun. Sie war, obgleich noch jung, erst 23 Jahre alt, schon Mutter einer reizenden kleinen Kinderschaar; eine feurige, poetische Natur; nicht gerade von tiefer und umfassender Bildung, aber wißbegierig, von schneller Auffassung, leicht begeistert für das Gute und Schöne, energisch, begierig in der Welt etwas zu schaffen und zu leisten; dazu ihren Kindern eine gute Mutter, ihrem Vater mit schwärmerischer Liebe ergeben, und sie selbst von Allen, die sie kannten, geliebt und geehrt. Ihre Ehe war bis dahin keineswegs eine unglückliche gewesen, aber dieselbe hatte doch wohl die Bedürfniße ihres Herzens und Geistes nicht befriedigt. Kaum 17 Jahre alt, war sie in diese Ehe getreten. Ihr Gemahl, 15 Jahre älter als sie, hatte seine Erziehung am hannöver'schen Hofe genoßen und von dort seine feinen Manieren sowie seine Lebensanschauungen mitgebracht. Er war eine ehrenhafte, aber scheinbar gar zu ruhige, kühle und verschlossene Natur. Seine vielleicht der höfischen Erziehung entsprungene Weise, allem Unangenehmen aus dem Wege zu gehn, alle Conflikte und Aufregungen vermeiden zu wollen, mochte ihn zuweilen den Verdacht der Zweideutigkeit aussetzen und in scheinbare Widersprüche mit sich selbst verwickeln. Ich habe seine Schwäger, die seine Eigenthümlichkeiten kannten und verstanden, oft darüber allerlei launige Geschichten erzählen hören. Obgleich sein Gemuth gewiß nicht der Wärme entbehrte, so strahlte es doch keine aus, und aller lebhafte Gefühlsausdruck, alle Leidenschaft, aller Enthusiasmus war, im Äußerlichen wenigstens, seiner Natur fremd. Vom Hofe hatte er auch seine conservativen Instinkte und Meinungen mitgebracht, die wenig mit dem heitern, menschenfreundlichen, forschrittsfrohen Liberalismus des Meyer'schen Hauses zusammenstimmten. Wie weit diese Ehe ursprünglich auf tiefe gegenseitige Herzensneigung gegründet war, weiß ich nicht; jedenfalls hatte sich im Laufe der Zeit zwischen dem Wesen der idealistisch angelegten, geistig lebhaften und großherzigen Frau und dem des gar ruhigen und verschlossenen Mannes ein auffallender Contrast herausgebildet.
Der Nimbus, der Johannes Ronge umgab, als er in dem Meyer'schen Kreise erschien, war wohl geeignet, auf die Einbildungskraft der Frau Bertha Traun zu wirken. Er war wahrscheinlich der erste volksthümliche Held, mit dem sie in Berührung gekommen. Dieser Held bekannte sich bald von ihr gefesselt, und die Achtung, mit welcher ihr verehrter Vater dem Manne begegnete, konnte kaum verfehlen, dem Bilde ihrer Phantasie noch größeren Glanz zu verleihen. Bald sah sie in Johannes Ronge einen wirklichen neuen Luther, der eine reformatorische Weltsendung habe. Der Gedanke, daß es eine große Aufgabe sei, diese Sendung mit ihm zu theilen, lag ihr nicht fern, und schießlich mag die Nothwendigkeit großer Kämpfe und Entsagungen, welche diese Aufgabe ihr auferlegen würde, jenem Gedanken noch besondern Reiz gegeben haben. Kurz es entsponn sich ein Verhältniß zwischen Johannes Ronge und Frau Bertha Traun, welches sie allerding nicht ihre Pflichten vergessen ließ, aber doch die Unzufriedenheit mit der Alltäglichkeit ihres Loses, die sie wahrscheinlich schon längst beunruhigt, nur doppelt ungeduldig machte. Es ist wahrscheinlich, daß sie schon damals Schritte gethan habe würde, um sich von ihren Fesseln zu befreien und ihrem Ideal zu folgen, hätte nicht die Liebe zu ihrem Vater sie zurückgehalten; und diese Rücksicht war um so mächtiger, als des Vaters Gesundheit, obgleich er noch in den besten Mannesjahren stand, seit einiger Zeit angefangen hatte, zu wanken.
In der That schien die rastlose nach allen Richtungen hin wirkende Thätigkeit seine Kräfte frühzeitig erschöpft zu haben. Wie er alles Neue und Rationell-Scheinende lebhaft aufgriff, so suchte er unter der Leitung von Priessnitz Heilung in einer strengen Wasserkur. Der Erfolg schien zeitweilig seiner Hoffnung zu entsprechen; aber die beunruhigenden Zustände kehrten wieder und er mußte sich entschließen, von seinen Geschäften sich ganz loszureißen und in einer längeren Reise Erholung zu suchen. So beschloß er denn eine Meerfahrt nach den Vereinigten Staaten von Amerika, wohin er schon vor Jahren seine ältesten Sohn Adolph zur Gründung eines Geschäftshauses geschickt, und wohin ihn selbst der Wunsch, das Leben und Treiben der neuen Welt kennen zu lernen, seit lange gezogen hatte. Im Oktober 1847 segelte er ab, aber nur um im Juli 1848 als Sterbender in die Arme der jammernden Familie zurück zu kehren. Am 26. Juli, kaum 51 Jahre alt, schloß dieser ausgezeichnete Mann die Augen, nicht allein von seiner Familie, sondern im eigentlichsten Sinne des Wortes von dem Volke seiner Heimathstadt tief betrauert.
Es ist wohl erst nach dem Tode des Vaters gewesen, daß Frau Bertha Traun den Entschluß fasste, ihre Ehe zu lösen und sich mit Johannes Ronge zu verbinden. Die Kundgebung dieses Entschlußes versetzte die Familie in eine Aufregung, die sich schwer beschreiben ließe. Herr Traun selbst fand sich in sein Schicksal mit Ruhe und Fassung. Es fand zwischen ihm und Frau Bertha eine Vereinbarung statt, gemäß welcher sie nach Holland reisen und dann die Ehescheidung auf Grund „böswilligen Verlassens“ gerichtlich zu Wege gebracht werden sollte. Dies geschah. Die Vermögensverhältniße wurden in gütlicher Weise geregelt, und im März 1851 wurde Frau Bertha mit Johannes Ronge in London getraut. Ronge, der unterdessen in Deutschland sich auch politisch mißliebig gemacht hatte, war Flüchtling geworden, wie wir Andern. Bertha mußte also, nicht allein ihre Kinder und ihren Familienkreis, sondern ihre gesellschaftliche Stellung, ja ihr Vaterland aufgeben, um sein Schicksal zu theilen — ein Schicksal, das gegen das reiche Behagen ihres früheren Lebens traurig genug abstach, denn er war nicht nur ein Flüchtling, sondern auch ein armer Mann. Was sie gelitten haben muß, besonders unter dem nach solchen Vorgängen natürlichen Zerwürfniß mit der Familie, deren Abgott sie gewesen war, und der sie mit wärmster Liebe angehangen, hat die stolze Frau wohl Niemanden erzählt. Doch brachte sie all diese Opfer, um, wie sie dachte, eine große Aufgabe zu erfüllen an der Seite eines Mannes, der eine bedeutende Mission zu erfüllen hatte.
Aber nun brach ein furchtbares Schicksal über sie herein. Der Mann, den ihre erregte Phantasie mit allen Eigenschaften eines großen Reformators ausgestattet, zu dem sie wie zu einem neuen Luther aufgeblickt hatte, war von andern schon langst als ein sehr gewöhnliches Menschenkind erkannt. Eine Zeit lang waren seine Schwächen verdeckt worden durch den Ruhm, den sein Brief gegen den Bischof Arnoldi und den heiligen Rock gewonnen. Dann konnte er eine Weile vielleicht noch durch einen gewissen Redefluß bestechen, der sich jedoch in einem recht engen Gedankenkreise bewegte. Aber dieses sich stets wiederholende Phrasengeklingel verrieth nachgerade eine so öde Geistesarmuth, daß das Gerücht, er habe jenen Brief gegen den heiligen Rock gar nicht selbst geschrieben, sondern der Brief sei des Grafen Reichenbach Werk gewesen und Ronge habe nur seinen Namen darunter gesetzt, unter seinen Bekannten immer mehr Glauben fand. Allen Unbefangenen wurde es klar, daß mit diesem einen Akt seine Rolle zu Ende war und daß es für einen Mann von seiner innern Bedeutungslosigkeit keine Zukunft mehr geben konnte. Er besaß gewiß auch seine guten Eigenschaften, aber diese guten Eigenschaften waren von der alltäglichsten Art. In Bertha's Illusion war er, nachdem ihn Andere längst durchschaut, vielleicht noch ein großer Mann geblieben bis zu ihrer Heirath, — aber die Probe des beständigen Zusammenlebens hielt diese Illusion nicht aus.
Sie war ihm geistig und sittlich, in allen Dingen, welche den Werth eines Menschen ausmachen, weit überlegen. Sie hatte zu ihm hinauf zu blicken geglaubt, — sie mußte nun auf ihn hinabsehn. Es war für sie eine entsetzliche Wahrnehmung. Lange kämpfte sie dagegn an und versuchte sich selbst noch zu täuschen. Vergebens; sie konnte sich auf die Dauer die Wahrheit nicht verhehlen. Aber dann wollte sie wenigstens Andern noch verbergen, was sie sich selbst eingestehn mußte. Andere sollten wenigstens denken, daß sie noch an ihn glaube. Andern gegenüber wollte sie noch seine Bedeutung behaupten und vertheidigen. Ich habe selbst Gesprächen in größerem Kreise beigewohnt, bei welchen sie und er gegenwärtig waren. Es war ein peinlich rührendes Schauspiel, wie die geistvolle Frau leicht durch ihre Aussprüche die allgemein Aufmerksamkeit gewann und die Unterhaltung führte; wie sie sich plötzlich besann und ihren Mann vorschob, um ihm die Ehre des Arguments zu sichern, und wie sie dann mit fast ängstlicher Spannung horchte, ohne Zweifel fürchtend, es möge seinem Munde irgend eine Dummheit entschlüpfen, was auch nicht selten geschah. Jede respektwidrige Äußerung über Ronge, die ihr zu Ohren kam, wurde von ihr wie eine persönliche Beleidigung geahndet und that ihr gewiß im Herzen wehe. Und dieser Äußerungen gab es nicht wenige, denn Ronge, als „der persönliche Feind des Papstes“ war nachgerade in den Augen seiner Mitflüchtlinge eine fast komische Person geworden, über welche die jungen Leute sich lustig machten. Während man im Vatikan, nachdem die Deutsch-katholische Bewegung im Sande verlaufen, unzweifelhaft seine Harmlosigkeit kannte und längst aufgehört hatte, seiner Feindschaft Beachtung zu schenken, gab er bei jeder Gelegenheit seine Meinung von der Schlechtigkeit des Papstes zum Besten und versuchte dabei das Ansehn anzunehmen, als werde er demnächst gegen Rom einen vernichtenden Streich führen.
Frau Bertha versuchte nun, da es mit dem Werk der neuen Reformation in der Hand ihres Mannes nicht ging, durch eigene Thätigkeit das Gefühl der innern Erniedrigung zu übertäuben, welches von ihrem Schicksal unzertrennlich war. Sie hatte in Hamburg den Fröbel'schen Kindergarten studiert und traf Anstalt, diese Methode der Kleinkinder-Erziehung durch Einrichtung eines Kindergartens, im kleinen Maßstab freilich, in London einzuführen. Dies war allerdings ein viel geringerer Wirkungskreis, als derjenige, den sie sich geträumt hatte; aber sie that doch etwas und machte sich nützlich. Ronge, der von der Sache nichts verstand, konnte freilich dabei wenig mehr thun, als kleine Hand-Dienste leisten. Es wurde auch wirklich ein so guter Anfang gemacht, daß eine ausgebildete Kindergärtnerin von Hamburg herübergerufen und beschäftigt werden konnte.
So half die schwer geschlagene Frau sich über die ersten Monate ihres Londoner Lebens hinweg. Aber auch die Kindergarten-Thätigkeit wurde unterbrochen durch die erste Frucht des neuen Ehebundes. Ihre Niederkunft wurde, wenn ich mich recht erinnere, Ende Dezember 1851 oder Anfangs Januar 1852 erwartet, und allerlei drohende Krankheitserscheinungen gingen diesem Ereigniß vorher. Ihre Häuslichkeit in Hempstead war sehr beschränkt und in ihrer Ausstattung unbehaglich, wenn nicht gar ärmlich. Die in den angenehmsten Verhältnißen aufgewachsene Frau, welche früher bei ähnlichen Krisen stets von alle erdenklichen Komfort und von der liebevollsten Sorge eines großen Familienkreises umgeben gewesen, fand sich jetzt vereinsamt in der großen Londoner Menschenwüste, mit ängstlicher Sparsamkeit haushaltend, allein mit dem Manne, der ihr die furchtbarste Enttäuschung ihres Lebens bedeutete. Monate lang wurde sie von düstern Todesahnungen gequält. Die Familie in Hamburg war ihr begreiflicher Weise entfremdet, durch dem Skandal, den die Scheidung und die Verheirathung mit Ronge verursacht hatte, und die ältern Mitglieder derselben konnten sich lange nicht entschließen, sie in einem Hause zu besuchen, in welchem ein Zusammentreffen mit Ronge zu gewärtigen war. Sie ihrerseits war auch zu stolz, die Erkenntniß ihres Irrthums einzugestehn, oder durch Darlegung ihres beklagenswerthen Zustandes um Hülfe zu bitten. Aber die Kunde davon drang doch nach Hamburg, und da entschloß sich ihre jüngste Schwester, Margarethe, von der alten Liebe und neuem Mitgefühl unwiderstehlich bewegt, sofort zu ihr zu eilen und in der schweren Zeit ihr zur Seite zu stehn. Umsonst suchten die ältern Geschwister das achtzehnjährige Mädchen, dessen eigene Gesundheit damals nicht ganz fest war, zu überzeugen, daß sie allein die Reise nach London nicht unternehmen könne und daß ihre Unerfahrenheit sie in den unbekannten und schwierigen Verhältnißen allen möglichen Verlegenheiten aussetzen werde. Ihr Entschluß wankte nicht und so trat sie eines Tages wie ein guter Engel an das Bett ihrer Schwester, nahm die Führung des Haushalts in die Hand, füllte mit ihren eigenen Mitteln die Lücken desselben, und gab mit ihrer Liebe und Fürsorge der Kranken neuen Muth, die kommende Krisis zu bestehen.
So war Margarethe in das Ronge'sche Haus in Hempstead gekommen, als ich, wie oben beschrieben, mit ihr zusammentraf. Ich sah sie nicht wieder bis nach der Niederkunft ihrer Schwester, hörte aber durch Frau von Brüning, die zuweilen die Kranke besuchte, wie das junge Mädchen mit seltenem Muth und bewundernswerther Umsicht und Thatkraft Krankenwärterin, Haushälterin, ja, wo der ungeschickte Ronge sich nicht zu helfen wußte, der Mann des Hauses in einer person sei. Die gute Baronin hatte Margarethe offenbar in ihr Herz geschlossen und sprach von ihr in begeisterten Ausdrücken. Die Niederkunft der Frau Bertha war schwer und gefahrdrohend, aber die Hartgeprüfte kam doch wieder zu Kräften. Als nun auch ihr Bruder Adolph und die älteste Schwester Amalie bei ihr angelangt waren, übernahm Margarethe, die auch in Deutschland die Fröbel'sche Kindergärtnerei studiert hatte, die Leitung eines Kindergartens in St. Johns Wood, der unter Frau Ronge's Auszpizien entstanden war; und, um sich von den Mühen und Aufregungen der letzten Wochen zu erholen, bezog sie mit einer ihr befreundeten Kindergärtnerin ein paar Zimmer auf St. Johns Wood Terrace, in der Nahe des Brüning'schen Hauses. Nun sahen wir uns wieder in dem Salon der Baronin, und nach Allem, was ich unterdessen über sie erfahren, begegnete ich ihr mit ganz anderem Interesse, als vorher.
Bald lernten wir einander näher kennen. Margarethe hatte eine etwas zerfahrene Jugend gehabt. Bei ihrer Geburt war ihre Mutter gestorben. Nie ihre Mutter gesehn zu haben, blieb ihr ein trauriger Gedanke durchs Leben. Der Vater in seiner angestrengten Thätigkeit, fand, wie das bei viel beschäftigten Männern oft der Fall ist, wenig Zeit, sich um das kleine Geschöpf zu bekümmern. Die Sorge für sie fiel einer Tante, einer Schwester der Mutter anheim, die nach der Mutter Tode dem Hause des Vaters vorstand. Aber die Tante, deren sie stets mit wärmster Dankbarkeit gedachte, verließ das Haus und vermählte sich mit einem Angehörigen des Meyer'schen Geschäfts, ehe Margarethe den Kinderschuhen entwachsen war, und diese fiel nun was die Leitung ihrer betraf, der Kontrolle ihrer ältern Schwestern anheim, die selbst ihre eigenen Kinder hatten. Als nun endlich auch der Vater starb, — Margarethe war damals noch nicht 15 Jahre alt, — gab es keine einheitliche Autorität mehr über ihr. Jedes Geschwister fühlte eine Art von Verantwortlichkeit für sie, und da ihr Wesen wohl auch zuweilen nicht recht verstanden werden mochte, so fing sie an zu fühlen als ob sie nirgendwo eigentlich hingehöre, während doch all ihre Schwester und Brüder glaubten für ihre Erziehung und Wohlfahrt Sorge tragen zu müssen. Sie hat mir oft erzählt, mit welcher Entrüstung sie erfüllt gewesen sei, wenn ihr kaum anderthalb Jahre älterer Bruder Heinrich sich angemaßt habe, über sie zu Gericht zu sitzen.
So ließ ihre Kindheit ihr sehr schöne, aber auch allerlei trübe Eindrücke zurück. Die Zeit, die sie in einer Pension zubringen mußte, hat sie mir als besondere traurig beschrieben, so wie die Gemüthszustände, welche sie befielen, wenn ein Familienrath über sie abgehalten werden sollte. Das Gefühl der Heimathlosigkeit, welches vielleicht auch ihrerseits auf mancherlei Mißverständnißen beruhte, wie solche Verhältniße sie häufig mit sich bringen, hatte ihrem Gemüth ein Bedürfniß nach Unabhängigkeit, nach Anerkennung der Berechtigung des eigenen Willens eingepflanzt, das wohl zu manchen Konflikten führte, aber zugleich seine guten Früchte trug. Auch war ihr Jugendleben mehrfach von gestörten Gesundheitszuständen verdunkelt worden und sie hatte nicht geringe Zeit an Kurorten zubringen müssen. Zu einigen derselben hatte sie als Gesellschafterin eine Freundin aus Mecklenburg, Charlotte Voss, mitgenommen, ein vortreffliches Wesen, an die sie sich mit der ganzen Wärme jugendlicher Freundschaft anschloß, und die später die Frau meines Jugendfreundes Friedrich Althaus wurde. Dann war sie mit den liberalen Frauen in Verbindung gekommen, welche die Hamburger weibliche Hochschule gründeten. Dieser Hochschule hatte sie mit Charlotte eine Zeit lang angehört und dort die Bekanntschaft von Malwida von Meysenbug gemacht. Gewiß ist, daß ihre Geschwister ihr mit sorgender Liebe zugethan waren, während sie selbst diese Liebe mit Wucherzinsen zurückbezahlte. Es gab für sie nichts Höheres, als ihren verstorbenen Vater. Daß ihr Vater durz vor seinem Tode sie noch einmal an seine Brust geschlossen und gesagt hatte: „Du mein Prachtkind!“ war und blieb ihr die schönste Erinnerung ihres Lebens.
Viele dieser Dinge erfuhr ich erst später, meist aus ihrem eigenen Munde. Aber es war ihr Wesen, wie ich es fand, nicht ihre Geschichte, was mich zu ihr zog. Ihre Erziehung war etwas zerstückelt gewesen. Viele Kenntniße hatte sie nicht gesammelt, sprach jedoch das Englische und und Französische ziemlich gut, hatte Manches gelesen, spielte Klavier und sang einfache Lieder mit einer jenen schönen, vollen Altstimmen, die so rührend sein können. Dabei aber hatte sich ein Charakter gebildet, der unendlich viel mehr werth war, als alle Kenntniße oder Fertigkeiten, welche die Erziehung ihr hätte geben können. Sie besaß eine Offenheit und Rechtschaffenheit des Wesens, welche jedem, mit dem sie in Berührung kam, sofort offenbar wurden und Achtung nöthigten. Es war dieser unbefangenen Wahrhaftigkeit ihrer Natur zu zu schreiben, daß Alle mit denen sie sprach, Ältere sowohl als Jüngere, Höher- und Niedrigerstehende, von ihr Urtheile, tadelnde Bemerkungen, Ermahnungen annahmen, die aus irgend einem andern Munde kommend vielleicht als anmaßend oder gar beleidigend zurückgewiesen worden waren. Ihr gesunder Verstand und klarer Blick traf in der Beurtheilung von Menschen und Verhältnißen oft mit erstaunlicher Sicherheit das Richtige, wenn fähigere und erfahrenere Leute im Zweifel waren. Ihre Gefühle und Sympathieen waren so echt und tief, ihre Herzensgüte so warm, daß sie vor keiner Mühe, keinem Opfer zurückschreckte, um dieselben zu bethätigen. Ihre Grundsätze, in Bezug auf Recht und Unrecht, Gut und Übel waren im höchsten Grade edel, sicher und fest, und sie besaß einen Instinkt des Schicklichen, der nie zu irren oder in Verlegenheit zu gerathen schien. Sie gewann sofort das Vertrauen eines Jeden, mit dem sie sprach. Obgleich von Natur ein wenig zur Melancholie geneigt, hatte sie eine köstliche Gabe, die lächerliche Seite dessen was sie sah und hörte, leicht zu erfassen, und oft ergötzte sie ihre Umgebung durch einen sprudelnden Humor. Und dabei war über diese Echtheit ihres Wesens eine unbewußte Anmuth ausgegossen, welche alle Herzen gewann, nicht allein die der Männer, sondern besonders auch die der Frauen, und so wurde sie leicht der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Kreises, in welchem sie sich befand. Ich mag hier vorgreifend hinzusetzen daß all diese Eigenschaften ungeschwächt ihre Jugendblüthe überdauert haben und ihr bis zum allzufrühen Ende ihrer Tage geblieben sind. Es hat wohl gelehrtere, geistreichere und auch schönere Frauen gegeben — obgleich sie wahrhaft schön war — aber wohl wenige, welche all die Züge, die den Charakter einer Frau edel und liebenswürdig machen, so vollständig in sich vereinigten.
Als Margarethe und ich im Brüning'schen Salon zusammentrafen, schien es sogleich eine ausgemachte Sache zu sein, daß wir zu einander gehörten. Wir fanden uns ganz von selbst zusammen. Dies wurde auch von der übrigen Gesellschaft stillschweigend anerkannt; wenn ich zu Margarethe trat und mit ihr zu sprechen anfing, so zogen sich die Andern regelmäßig sofort von uns zurück und ließen uns allein, was uns auch nicht im Geringsten in Verlegenheit setzte. Ich bemerkte ein paarmal, daß dann das Auge der guten Baronin mit dem Ausdruck besonderer Befriedigung auf uns ruhte. Als ich eines Abends Margarethe an die Thüre ihrer eigenen Wohnung bringen sollte und wir an dieser Thür vorbei gingen und uns auf dem einsamen nächtlichen Spaziergang ganz allein unter uns im Gespräch verloren, da hatten wir einander eigentlich nicht viel Neues zu erzählen. Was wir für einander fühlten, wußten wir ja schon, auch ohne es ausgesprochen zu haben. Nur fanden wir uns gedrungen, einander aus unserer Vergangenheit Manches mitzutheilen, Alles, was uns einfiel und von Bedeutung schien. So wanderten wir wohl ein paar Stunden lang durch die stillen Straßen, obgleich ein leichter Regen herunter rieselte und wir keinen Schirm bei uns hatten. Wir haben später unsern Kindern oft erzählt, wie ihre Mutter an jenem Abend einen Hut mit einem grünen Schleier trug, welcher abfärbte und wie, als wir endlich wieder an ihrer Thüre anlangten und ich ihr „Gute Nacht“ sagte, ich ihr Gesicht von dem durchnäßten Schleier mit grünen Flecken und Streifen gezeichnet fand. Wir schieden mit der gegenseitigen Versicherung daß wir nun Verlobte seien. Am andern Tage machten wir unsern nächsten Freunden beiderseits davon Mittheilung. Frau von Brüning nahm die Nachricht mit Freudenthränen auf. Kinkels, die Margarethe sehr wenig kannten, wußten nicht recht, ob sie sich freuen sollten oder nicht. Frau Bertha war sehr zufrieden; und die gute Malwida von Meysenbug freute sich herzlich mit uns über unser Glück.
Dieses Glück war jedoch keineswegs wolkenlos. Wir hatten zuerst nicht daran gedacht, daß unsere Verbindung Widerstand finden würde. Der Einwilligung meiner Eltern war ich gewiß, denn sie hatten sich angewöhnt, so ziemlich Alles, was ich that, richtig zu finden. Aber als Margarethe an ihre Geschwister in Hamburg von ihrer Verlobung mit mir schrieb, fiel es uns ein, daß man dort über die Angelegenheit ganz anders denken möchte, und wie ich mir nach ruhiger Überlegung selbst gestehn mußte, man hatte dazu auch sehr gute Ursache. Was wußte man dort von mir? Daß ich Kinkel befreit hatte. Das war an und für sich recht schön und hatte mir auch einen guten Ruf eingetragen. Aber als Beweis meiner Fähigkeit, eine Frau glücklich zu machen und eine Familie zu ernähren konnte es doch nicht gelten. Freilich fehlte es mir nicht an Selbstvertrauen, aber die Geschwister meiner Braut kannten mich nicht, und so sah ich ihren Antworten auf Margarethens Briefe mit Besorgniß entgegen. Dieselben waren denn auch, wie man sie nicht hätte anders erwarten dürfen. Margarethens älterer Bruder Adolph, ein Mann von großen Fähigkeiten und ausgezeichneten Charaktereigenschaften, mit dem mich in späteren Jahren die herzlichste Freundschaft verbinden sollte, setzte uns in durchaus freundlichem Ton auseinander, daß unter den obwaltenden Verhältnißen unsere Verheirathung doch eine etwas übereilte Geschichte sein würde, und er schlug vor, daß Margarethe vorerst auf eine Zeit lang nach Hamburg zurückkehren sollte, um die Sache mit ihren Geschwistern ruhig zu überlegen, während ich nach Amerika vorausgehn und die Grundlage zu einer sichern bürgerlichen Existenz legen möge. Das war unzweifelhaft ein wohlgemeinter und durchaus vernünftiger Vorschlag; aber uns jungen Leuten erschien derselbe nur theilweise annehmbar.
Daß Margarethe einen Besuch in Hamburg machen solle, fand ich, nach sehr ernstem Bedenken, nicht allein passend, sondern sogar nothwendig. Dort sollte sich, wie ich dachte, fern von mir die Echtheit ihrer Liebe und die Fähigkeit ihres Entschlußes, mein Schicksal zu theilen, unter dem Eindringen ungünstiger Einflüße erproben. Ich mußte mir selbst ja gestehn, daß es für sie eine gewagte Sache war, mit mir auf gutes Glück in die weite Welt zu ziehn; und wie innig ich sie auch liebte, und mit wie großem Selbstvertrauen ich mich auch fähig fühlte, ihr ein glückliches Los zu bereiten, so wollte ich doch nicht, daß sie das Wagniß unternehmen solle, ohne Alles gehört zu haben, was dagegen gesagt werden konnte. Blieben dann aber ihr Gefühl und Wille immer noch fest, so sollte der Erfüllung unseres Wunsches nichts weiter im Wege stehn und wir wollten die Bestrebungen und Mühsale des Lebens in der neuen Welt in Gemeinschaft beginnen. Die Geschwister bewegten Margarethens vortreffliche Freundin, Charlotte Voss, nach London zu reisen und sie von dort abzuholen und nach Hamburg zu bringen. So geschah es. Die beiden Mädchen reisten über Bonn, wo sie meinen Eltern einen Besuch machten; und dann begann für Margarethe eine Zeit schwerens Kampfs, um so schwerer, da ihre Geschwister, die ihr von der schnellen Heirath und Auswanderung nach Amerika abriethen, ja in der That das, was man die Vernunft zu nennen gewohnt ist, auf ihrer Seite hatten. Auch machte ich ihr diesen Kampf nicht leichter. In meinen Briefen malte ich ihr mit den lebhaftesten Farben aus, daß ich ihr weder Ruhe noch Wohlleben bieten könne, daß sie an meiner Seite ein Leben voller Arbeit und Mühe, Stürme und Kämpfe, vielleicht voll von Entbehrungen haben werden, daß das Land, in welches, wenn sie mein Schicksal theilen wolle, ich sie führen müsse, mir selbst ein unbekanntes sei und ich ihr in keiner Weise eine bestimmte Aussicht auf unsere Zukunft eröffnen könne.
Mit welch peinlicher Erwartung sah ich nun ihren Briefen aus Hamburg entgegen! Seit Kinkels Rückkehr aus Amerika hatte ich meine alte Miethswohnung auf St. Johns Wood Terrace wider bezogen. Die Post von Hamburg kam gewöhnlich des Morgens um die Frühstückszeit, und wenn ich den lauten Doppelschlag (double knock) des Briefträgers auf den Thüren in meiner Häuserreihe mir immer näher kommen hörte, so fühlte ich, als ob das geheimnißvolle Schicksal mit schwer dröhnendem Tritt an mich heran schritte. Aber dieses Schicksal brachte mit mein Glück. Margarethe blieb fest. Nach einem Aufenthalt von mehreren Wochen erklärte sie ihren Geschwistern, daß sie unwiderruflich entschlossen sei, mit mir nach Amerika zu gehn. So kehrte sie nach London zurück, und am 6. Juli 1852 wurden wir in der Pfarre Marylebone in London getraut. Es war kein großes Fest. Von der Familie war Niemand gegenwärtig, als Frau Bertha und meine jüngste Schwester, die bei Kinkels wohnte. Dann Kinkel, Frau von Brüning und Löwe. Einfacher und ernster hätte die Feier nicht sein können; es lag ein leiser Schatten von Traurigkeit darauf; eine wahre Flüchtlingshochzeit. Still zogen wir in eine freundlich gelegene Wohnung in Hempstead, ein wenig entfernt von unsern Freunden, um dort die Flitterwochen zu verleben. Auch wollte ich von dort aus die Vorbereitungen zu baldiger Abreise nach Amerika betreiben, den es drängte mich die neue Heimath für uns zu suchen in der neuen Welt.
Aber noch stand mir eine große Gefahr bevor, ehe dieser schöne Plan zur Ausführung kommen sollte. Nur wenige Tage hatte ich mit Margarethe in stiller Zurückgezogenheit verlebt, als ich mich krank fühlte. Bald erklärte der herbeigerufene Arzt, ich habe das Scharlachfieber. Kaum war das im Hause kund geworden, als unsere Hauswirthin uns die Wohnung aufkündigte. Ihre andern Miether würden aus Furcht vor der Ansteckung ausziehen, sagte sie, wenn ich nicht sofort das Haus räumte. Die Frau bestand mit solcher Entschiedenheit darauf, daß sich nicht mehr mit ihr sprechen ließ. Aber wohin? In ein Hospital? Der Gedanke war uns schrecklich und Margarethe wollte nicht davon hören. Mein Zustand hatte sich unterdessen bedenklich verschlimmert. Ich befand mich einen großen Theil der Zeit in Fieberphantasieen und war beinahe willenlos. Ich konnte fast nicht mehr sprechen. Da fasste Margarethe einen kühnen Entschluß. Sie selbst hatte eine Wasserkur durchgemacht und ein großes Vertrauen zu dieser Heilmethode gefasst. Als ihre Schwester Bertha jüngst dem Tode nahe gewesen, hatte sie den Vorsteher einer Wasserheilanstalt in Malvern, Dr. Gully, einen Arzt von bedeutendem Ruf, kommen lassen, der, wie sie glaubte, das Leben ihrer Schwester gerettet habe. Mußte ich in meinem Zustande nun doch einmal transportiert werden, warum sollte sie mich denn nicht auch sogleich auf die Eisenbahn nach Malvern bringen? „Das wird Dich retten“, sagte sie. „Laß mich für Dich handeln.“ Rasch entschlossen telegraphierte sie an Dr. Gully, ich wurde in einen Wagen gepackt, und bald waren wir auf der Eisenbahn. Ich muß entsetzlich ausgesehen haben, denn als ich in ein Coupé gebracht wurde, in welchem bereits einige Leute sassen, flohen diese sofort und ließen uns allein. Am abend desselben Tages waren wir in einem der Häuser, welche dem Dr. Gully in Malvern zur Verfügung standen. Als der Arzt mich sah, schüttelte er den Kopf. Er sprach Englisch mit Margarethe, das ich nicht verstand. Mein Leib war ganz mit rothem Ausschlag bedeckt gewesen, als wir von London abfuhren, aber dieser Ausschlag war zurückgetreten. Die Kur begann sogleich. Ich wurde in ein nasses kaltes Leintuch gepackt und fest in wollene Decken gewickelt. Nach etwa zwei Stunden nahm mich der Badediener heraus, stellte mich in einen mit kaltem Wasser gefüllten Zuber, ließ mich von einem andern Diener aufrecht halten, — denn stehn konnte ich nicht mehr, — und rieb mich mit einem groben Tuche kräftig ab. Dann wurde ich ins Bett gelegt, um zu ruhen, und nach wenigen Stunden wiederholte man die Operation; und so fort. Der rothe Ausschlag kam wieder hervor.
Am zweiten oder dritten Tage fühlte ich mich etwas besser. Meine Zunge, die trocken und steif gewesen war, wurde feucht und ich konnte wieder sprechen. Margarethe hatte mich keinen Augenblick verlassen. Es befiel mich eine große Sorge um sie. „Um Gottes Willen“, sagte ich, „wird Dich die Krankheit nicht anstecken?“ „Bekümmere Dich nicht darum“, antwortete sie, „wir leben zusammen oder wir sterben zusammen. Aber es wird gut gehn. Der Doktor meint es jetzt auch.“
Es ging wirklich gut. Die Kur wurde kräftig fortgesetzt, und eine Woche später saß ich in einem Lehnstuhl im warmem Sonnenschein auf der Veranda des Hauses, mit dem glücklichen Behagen des Genesenden in die wunderschöne Landschaft hinausblickend, und dann in die noch viel schöneren Augen meiner heldenmüthigen jungen Frau. Noch wenige Tage, und ich stand wieder kräftig auf meinen Füßen. Die Heilung war vollständig. Das Scharlachfieber hatte auch nicht die geringste
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die nicht in Eile waren. Theils weil es etwas billiger war und wir sparsam sein wollten, theils auch, weil man uns größere Bequemlichkeiten versprach, als wir auf einem Dampfer haben würden, nahmen wir auch Passage auf einem großen Segelschiff, der City of London. In dessen Cajüte fanden wir sehr gute Unterkunft und angenehme Gesellschaft, — unter andern einen Professor vom Yale College und ein paar sehr liebenswürdige New Yorker Kaufleute mit ihren Frauen und Kindern. So machten wir unsere ersten Amerikanischen Bekanntschaften. In Portsmouth gingen wir unter Segel und nach achtundzwanzigtägiger Fahrt bei durchweg günstigem Wetter landeten wir an einem heitern Septembermorgen — es war der 17. des Monats — im schönen Hafen von New York. Hoffnungsvollen Herzens begrüßten wir die neue Welt.